Jahresbericht des Fachbereichs Migration, Flucht und Ehrenamt

JAHRESBERICHT 2021

Weiter „In Verbindung bleiben“ war im Jahr 2021 eine Herausforderung in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern des Fachbereichs; insbesondere für Klient*innen, im Behördenkontakt, im kollegialen Austausch und in verschiedenen Netzwerken, in denen wir uns bewegten. Bereits im Vorjahr hatten sich Flexibilität und Anpassung an die jeweilige pandemische und politische Situation bewährt. Es wurden machbare, umsetzbare Wege und Strategien gesucht, um die Beratung, Betreuung oder Projektarbeit für alle zu ermöglichen. Die Beratungsstellen blieben trotz der weiter anhaltenden schwierigen Bedingungen geöffnet. Deutlich wurde, wie wichtig eine persönliche Beratung oder Begleitung ist, aufgrund der Sprachbarriere einiger Klient*innen, aber oft auch wegen der schwierigen psychosozialen Lebenssituation. Dort wo Unsicherheiten, Unklarheiten, starke psychische und finanzielle Belastungen entstanden sind, war es ganz besonders wichtig unterstützend und vertrauensvoll zur Seite zu stehen. Neben der bevorzugten face-to-face-Beratung wurden telefonische Gespräche oder Beratungsanfragen per E-Mail gut angenommen. Die offenen Sprechstunden wurden weiter ausgesetzt und so am positiv aufgenommenen Terminvergabesystem festgehalten. Und auch die dezentrale Betreuung wurde weiter unter Einhaltung aller Vorgaben und Regeln durchgeführt. Im Mittelpunkt der jeweiligen Arbeitsbereiche stand die individuelle, professionelle, bedarfsorientierte Begleitung und Beratung von Geflüchteten, Migrant*innen und Ehrenamtlichen.

Beratung und Begleitung

Die Darstellung der Herausforderungen umfasst an dieser Stelle die Beratungsvielfalt und Kompetenz des Fachbereichs. Dazu zählen die Migrationsberatung für erwachsene Zugewanderte, kommunale und regionale Integrationshilfe, Beratung in unserer Flüchtlingsunterkunft, Projektberatungen. Als besondere Herausforderungen für die Klient*innen und für die Beratung/Begleitung waren die folgenden Themen:

  • Mangelnde oder digitale Sprachkursangebote
  • Fehlende technische Ausstattung/technisches (Sprach-) Verständnis für die Teilnahme an digitalen Angeboten
  • Bildung, Beschäftigungserlaubnis und Berufsfindung, sowie Ausbildung
  • Schule, Kita, Homeschooling und Betreuung
  • (Re-) Traumatisierungen und Sekundärtraumatisierungen aufgrund von Fluchterfahrungen, Angehörigen in Kriegsgebieten wie Syrien, Afghanistan, Tigray/Äthiopien
  • Angst um die Sicherheit von Familienmitgliedern im Heimatland
  • Unsichere Bleibeperspektiven
  • Psychische Erkrankungen und Vereinsamung
  • Wohnungsmangel, Wohnungssuche und Umzüge
  • Schwieriger Kontakt zu Behörden und langes Warten auf Termine
  • Kontaktunterstützung und Weitervermittlung zu anderen Institutionen, Behörden, (Fach-) Ärzten, Fachdienste, Schulen, Bildungsträgern und Betrieben
  • Familienzusammenführung innerhalb Deutschlands und Europa, sowie Familiennachzug aus dem Heimatland zu subsidiär Schutzberechtigten und anerkannten Flüchtlingen unter erschwerten Bedingungen aufgrund der Corona-Pandemie und der Schließung von Behörden in den jeweiligen Ländern
  • Vermittlung von Beihilfen für besondere Bedarfe wie z.B. Fahrtkosten, Therapie, Übersetzungen von Dokumenten etc.
  • Gewalt in Familien
  • Schulden
  • Versorgungssituation von Menschen, die positiv auf Covid-19 getestet wurden
  • Finanzierungsschwierigkeiten bei steigenden Lebenshaltungskosten (Energie, Lebensmittel, Masken, Coveid-19 Antigen-Schnelltests)

Zu den weiteren Beratungsthemen zählten in Abhängigkeit des jeweiligen Fachgebietes und Beratungskompetenz:

  • Individuelle Themen und Hilfen
  • sozialrechtlichen (SGB II, SGB XII), aufenthaltsrechtlichen (wie z. B. Asylverfahren, Niederlassungserlaubnis, deutsche Staatsbürgerschaft)
  • Sozialleistungen (z.B. Kinderzuschlag, Wohngeld)
  • Beihilfen
  • Unterstützung bei Anträgen und Verstehen von Briefen/Formularen
  • Anerkennung von ausländischen Dokumenten und Diplomen
  • Krankenversicherung bei nicht verheirateten Paaren / Schwangeren
  • Diskriminierungserfahrungen

Veranstaltungen

In Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Koordinierung Ehrenamt Stadt/Landkreis Hildesheim wurden zwei Veranstaltungen organisiert und umgesetzt; Online-Fachtag Integration und ein Dankesfest für Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit.

v.l.n.r. Jana Kuschel, Mandy Steinberg, Elena Vogel Foto: DW Hildesheim Sara Randolph

Projektarbeit

Das Projekt „Frauen – gemeinsam in die Zukunft“ richtet sich an geflüchtete Frauen und Frauen mit Migrationsgeschichte (Mindestalter 18 Jahre), die aufgrund ihrer familiären Situation, bspw. durch gelebte Geschlechterrollen, einer mangelnden regionalen Versorgung von Bildung im Heimatland oder unzureichender Gelegenheiten zum Kompetenzerwerb in Deutschland, einen eingeschränkten Zugang zu Bildung und Arbeit erlebt haben. Im Rahmen des Projektes setzten die Teilnehmerinnen sich, in einem geschützten Raum (Michaelis Weltcafé) mit Zukunftsfragen auseinander und entwickeln mit Hilfestellung der Projektleitung eine persönliche (berufliche) Perspektive. Durch die Corona-Pandemie musste das Konzept jedoch angepasst werden. Ein ursprünglich geplantes Gruppenangebot wurde durch eine individuelle und bedarfsorientierte Einzelberatung mit thematischem Schwerpunkt zur Zukunftsgestaltung weitestgehend ersetzt. Im ersten Projektjahr haben circa 25 Frauen die Einzelberatung des Projektes in unterschiedlicher Intensität aufgesucht. Die Frauen kommen aus den Ländern: Afghanistan, Armenien, Eritrea, Gambia, Iran, Irak, Jemen, Kenia, Libanon, Ruanda und Syrien. Sie sind zwischen 18 und 58 Jahre alt. In der Beratung besteht die Möglichkeit die eigenen Ressourcen und das Selbstbild zu reflektieren, Hindernisse und Vorrausetzungen für bestimmte (berufliche) Ziele zu erkennen, und Bewältigungsstrategien schrittweise zu erarbeiten. Die Teilnehmerinnen erhalten eine umfassende Wissensvermittlung zu Zugangsvoraussetzungen, Ausbildung, Berufen und Bewerbung. Darüber hinaus fanden trotz allem einige Frauen-Frühstücke statt. Es wurden Frauen eingeladen in einer Gruppe gemütlich zusammen zu kommen, zu frühstücken und über aktuelle Bedarfe zu sprechen, einen allgemeinen Austausch zu ermöglichen, soziale Kontakte zu pflegen und mehr über das Projekt und die Einzelberatungsmöglichkeiten zu erfahren. Das Zwischenfazit fällt nach einem Jahr sehr positiv aus. Die Teilnehmerinnen haben in der Einzelberatung sehr individuelle Hilfestellung und bedeutsame Wissensvermittlung erhalten. So waren Bewerbungen von zwei Teilnehmerinnen um einen Ausbildungsplatz erfolgreich, mehrere Teilnehmerinnen erhielten mit Unterstützung einen Praktikumsplatz, es konnte eine Teilnehmerin in ein geeignetes Digitales Coaching der VHS und einige Teilnehmerinnen in unterschiedliche Sprachkurse vermittelt werden. Dies sind wichtige Schritte in der individuellen Zukunftsplanung der Teilnehmerinnen und persönliche Erfolge. Außerdem wurden im Rahmen des Projektes zahlreiche Bewerbungen mit Unterstützung verfasst und individuelle Ziele und Schritte auf dem Weg in den Beruf von den Teilnehmerinnen erarbeitet, die auf Wunsch der Teilnehmerinnen weiterhin begleitet werden können.

Als weiteres Projekt ist die Gemeinwesenarbeit im Michaelis Weltcafé in Hildesheim zu benennen. Pandemiebedingt konnten im Jahr 2021 das (digitale) Sprachcafé sowie das (digitale) Café International weiter angeboten werden. Darüber hinaus traf sich die Redaktion Michaelisquartier monatlich digital oder in Präsenz. Auch der Arbeitskreis Koordinierung Ehrenamt traf sich zwei mal vor Ort. Ehrenamtstreffen fanden sehr eingeschränkt statt. Der Raum wurde stärker als Beratungsraum, für die weitere Projektarbeit – Frauen gemeinsam in die Zukunft und für themenbezogenen Plakataktionen genutzt.

In Bockenem wurde das Gartenprojekt fortgeführt. Das Projektziel ist es Begegnung und Teilhabe zwischen Migrant*innen und Mitbürger*innen zu ermöglichen. Alle Teilnehmenden lernen zudem den Anbau und die Pflege von Gemüse kennen. Der Garten lädt zum Beisammensein und Verweilen ein. Das Projekt soll aber auch Menschen mit psychischen Erkrankungen oder traumatischen Erfahrungen zur Genesung ihrer psychischen Gesundheit unterstützen. Dazu trägt auch die Bewegung an frischer Luft und sinnstiftende Aktivitäten bei. Sie erleben Wachstum im doppelten Sinne. Sie können Gemeinschaft erfahren, die Geflüchtete aus ihren Heimatländern oft kennen und fühlen sich weniger isoliert. Sie knüpfen Kontakte zu anderen Mitmenschen.

Das Projekt „Arbeit mit psychisch belasteten Geflüchteten“ in Peine wurde fortgeführt. Zu unserer großen Freude konnten Diakonie und Caritas in bewährter Kooperation, 2 Landkreis-finanzierte Stabilisierungsgruppen für Menschen mit Fluchthintergrund anbieten. Nachdem 2020 coronabedingt keine Gruppe stattfand. Die Gruppendauer umfasste jeweils 10 Treffen, d.h., 2 Treffen pro Woche. Im August / September startete eine Frauengruppe, 6 Frauen aus 4 Ländern plus kurdisch sprechender Dolmetscherin. Das heißt, mit 5 der 6 Frauen wurde deutsch gesprochen. Diese Frauen waren vorher bereits in zum Teil langen Beratungsprozessen angebunden. So entwickelte sich eine hoch motivierte und intensive Arbeitsatmosphäre. 2 Frauen kommen weiterhin zu engmaschigen Einzelberatungen. An der Männergruppe, von November bis Dezember, nahmen 5 Männer aus 3 Ländern teil. Die Gruppe wurde von einem Dolmetscher zweisprachig gedolmetscht, eine Herausforderung für alle Seiten. Ein sehr heterogenes Bildungsniveau mit demzufolge unterschiedlichen Bedürfnissen (Mitteilungsbedürfnis vs. psychoedukativem Verstehen-Wollen) war Kennzeichen dieser Gruppe. Erschwerend kam für beide Gruppen der coronabedingte Mehraufwand durch zusätzliche Testungen hinzu. Unter Einhaltung der 3-G-Regel fanden alle Einzelberatungen in Präsenz statt. Auch im letzten Jahr war der Austausch im informellen Netzwerk “Psychische Gesundheit Geflüchteter“ sowohl in den eingeschränkt stattfindenden Gruppentreffen (Corona) als auch in Einzelkontakten besonders wichtig. Neben Einzelbesprechungen, die für die Klient*innen schnelle und effektive Hilfe ermöglichten, wird das Netzwerk zunehmend von einzelnen Teilnehmer*innen als Ort für Psychohygiene und Selbstfürsorge genutzt. Das bedeutet, es hat sich eine vertrauensvolle Arbeitsatmosphäre entwickelt. Neu hinzu gekommen ist im letzten Jahr das Übergangsmanagement des Jobcenters.

Statistik

Resümee

Das Jahr 2021 war nicht nur von der Pandemie geprägt, die häufig den Beratungsalltag bestimmte, sondern auch von den Schicksalen vieler Klient*innen und ihrer Angehörigen aus Krisengebieten wie Afghanistan oder der Region Tigray/Äthiopien. Die Kriegsgeschehnisse in anderen Ländern überschatteten teilweise das Corona-Thema, weil Betroffene oft Ängste um ihre Angehörigen hatten. Aber auch die Ängste vor drohender Abschiebung, Tod, Ohnmachtsgefühle und Flucht von Familienangehörigen bestimmten die persönlichen Lebenssituationen von Beratungsklient*innen. Umso wichtiger ist es als Mitarbeiter*in multiple Kompetenzen zu entwickeln oder zu festigen. Im Jahr 2021 nahm das Team an zahlreichen Sitzungen, Netzwerktreffen, Teamtreffen und Fortbildungen teil und erweiterte somit das gesamte fachliche Kompetenzwissen in verschiedenen Rechtsgebieten, psychologischen, kultursensiblen sowie sozialen Handlungsfeldern. Digitale Angebote bewirkten, dass eine Teilnahme eher und bevorzugt in Anspruch genommen wurden. Die Themenpalette in der Beratungs- und Projektpraxis ist sehr breit. Deshalb war die regelmäßige Teilnahme an den Fortbildungen unverzichtbar und hat sich bewährt. Neben der enormen Aneignung von Fachwissen verfügt das Team über viele Sprachkompetenzen und kann sich daher effektiver sowie kollegial unterstützen. Mittlerweile besteht das Team selbst zur Hälfte aus Mitarbeitenden mit einer Migrationsgeschichte. In der Zusammenarbeit miteinander, mit Klient*innen, Ehrenamtlichen oder Netzwerkpartner*innen wirkt sich diese Diversität positiv aus.

DANKE !

… für die gute inhaltliche, fachliche, kooperative und finanzielle Unterstützung unserer Arbeitsbereiche! Wir bedanken uns für die Unterstützung durch die evangelische Landeskirche Hannover, Diakonische Werk in Niedersachsen, Haus kirchlicher Dienste, Evangelische Erwachsenbildung, Kirchengemeinden in den Kirchenkreisen Peine, Hildesheimer Land-Alfeld, Hildesheim-Sarstedt, Stadt Hildesheim, Landkreis Hildesheim, Kommunen Bad Salzdetfurth, Lamspringe, Elze, Alfeld, Holle/Grasdorf und Bockenem, Flüchtlingsrat Niedersachsen, Antikriegshaus Sievershausen, Jobcenter, Sozialpsychiatrischer Dienst, Bildungseinrichtungen, kooperierenden Wohlfahrtsverbänden, Initiativen und Vereinen. Dazu zählen z.B. Asyl e.V., DRK, AWO, Caritas, Brücken der Kulturen, Johanniter. Insbesondere möchten wir uns bei den Ehrenamtlichen bedanken, die sich trotz der Pandemie engagierten.

Mitarbeiter*innen

Bad Salzdetfurth

Jennifer May: Flüchtlingssozialarbeit (Integrationshelferin)

Bockenem

Beate Ziegenfuss: Flüchtlingssozialarbeiterin (Integrationshelferin) und Ehrenamtskoordinatorin

Hanan Alshik-Yousef: Kommunale Integrationshelferin

Katja Pape-Kürstein: Migrationsberaterin für erwachs. Zugewanderte

Grasdorf

Beratung und Begleitung für Geflüchete in der Flüchtlingsunterkunft

Omar Almustafa (seit Februar 2021 in geringf. Beschäftigung)

Sameh El-Sharkawy

Ibrahim Yöndes

Hildesheim

Elena Vogel: Migrationsberaterin für erwachsene Zugewanderte & Ehrenamtskoordinatorin -

Jana Kuschel: Projektleitung „Frauen und Flucht“

Mandy Steinberg: Ehrenamtskoordinatorin, Projektschwerpunkt: Michaelis Weltcafé, Fachbereichsleitung  

Sara Randolph: Sozialarbeiterin im Anerkennungsjahr (bis 30.09.2021)

Holle

Ibrahim Yöndes: Integrationshelfer

Peine

Ulrike Stille-Kretschmer: Psychologische Beratung und Begleitung traumatisierter Flüchtlinge