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Jahresbericht Bahnhofsmission

„… damit ihr Hoffnung habt“ …
… so lautet das aktuelle Motto des Diakonischen Werkes Hildesheim für den Jahresbericht. Menschen in Not beizustehen und ihnen Hoffnung zu schenken – ob durch eine Tasse Kaffee, ein gutes Wort, Beratung oder Vermittlung ganz konkreter Hilfe –, das ist seit jeher Aufgabe der Bahnhofsmission. In Hildesheim seit nunmehr einem guten Jahrhundert. Damit das gelingt, braucht es seit jeher beherzte und stabile ehrenamtliche Helfer*innen, die einen Teil ihrer Zeit Menschen am Bahnhof schenken. Solche Helfer*innen zu finden, ist nicht einfach: Viele Menschen haben keine Zeit mehr für ehrenamtliches Engagement. Zudem brauchen etliche wichtige Einrichtungen und Organisationen dieser Tage dringend ehrenamtliche Unterstützung; und die meisten davon haben sicherlich einen bequemeren Einsatzort als den immer noch im Umbau befindlichen Bahnhof zu bieten. Dass trotzdem immer wieder Menschen den Weg zur Bahnhofsmission finden, die Lust und Kraft haben, anderen Menschen unentgeltlich Hoffnung zu schenken und eine helfende Hand zu reichen – das macht ebenfalls Hoffnung. Hoffnung, dass es auch im zweiten Jahrhundert in Hildesheim weitergeht mit der nächsten Hilfe am Bahnhof, mit der Bahnhofsmission als kleiner Oase zwischen Gleis 2 und 3, zwischen ICE und Bahnhofstoiletten, zwischen Nordstadt und Stadtmitte; für Menschen auf Reisen sowie für alle Menschen, die hier Station machen möchten auf einer oft beschwerlichen Lebensreise.
 

Wie nötig es ist, direkte Hilfe und eine Ruhestation am Bahnhof zu bieten, erleben wir dieser Tage wieder einmal in besonderem Maße. Unsere Heimat ist Anlaufpunkt für Menschen auf der Flucht, auf der Suche nach einer neuen Heimat oder zumindest nach einer sicheren Herberge. Diese Menschen gehen uns auf besondere Art und Weise an. Das spüren wir ganz genau; entweder weil es in unseren eigenen Familien Flucht- oder Migrationsgeschichten mit vielen Parallelen gibt; weil wir berührt sind von den Bildern, die wir in den Medien sehen; weil wir selbst schon einmal Fremde und Reisende in einem fremden Land waren; oder einfach, weil wir es als unsere gottgegebene Pflicht ansehen, jene zu unterstützen, denen es schlechter geht als uns. Viele Hildesheimer*innen kamen 2015 spontan zur Bahnhofsmission, fragten, was sie tun könnten, und brachten Kleidung, Verpflegung und Spielsachen für Menschen auf der Flucht und in Not. Mit den Worten des Mystikers Bernhard von Clairvaux sind wir dankbar dafür, nun „aus der Fülle ausgießen“ zu können – nicht nur aus der Fülle der Dinge und Mittel, die uns zur Verfügung gestellt wurden; auch aus der Fülle des Zuspruchs, den wir 2015 für unsere Arbeit zwischen Gleis 2 und 3 erfahren durften: Wir danken allen Unterstützer*innen für ihre guten Worte, Gesten und Taten, die uns helfen zu helfen.

Daten aus der Statistik

Team
Leiterin der Bahnhofsmission ist Bettina Gehrz (Teilzeit); aus Mitteln der evangelischen Landeskirche sowie der Stiftungen „Gemeinsam für das Leben“ und „Johannishofstiftung“ wird die Projektmitarbeiterin/stellvertretende Leiterin Silke Pohl (Teilzeit) bis 2016 beschäftigt. Weiterhin gehörten 2015 fünf Ehrenamtliche zum Team der Bahnhofsmission sowie bis zum 30.09.2015 eine Berufspraktikantin der sozialen Arbeit (Teilzeit). Daneben sind zwei ehrenamtliche Kräfte ausschließlich für die Vernetzung mit Einrichtungen der Flüchtlingshilfe eingesetzt (Deutschunterricht, Nachhilfe und Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche).
 

Unterstützung
4.420 Menschen (vgl. 2014: 3.790) konnte die Bahnhofsmission im Jahr 2015 unterstützen (Schwerpunkt: Menschen zwischen 28 und 65 Jahren; Tendenz: Menschen mit besonderen sozialen und/oder finanziellen Schwierigkeiten und/oder psychischen Erkrankungen):

  • durch angemeldete und spontane Hilfen bei der Reisevorbereitung, beim Ein-, Aus- und Umsteigen sowie Vermittlung im bundesweiten Netz der Bahnhofsmissionen (732 mal)
  • durch Vermittlung an jeweils zuständige Einrichtungen sowie Fach- und Beratungsstellen (92 mal)
  • durch Bewirtung sowie durch Gespräche in den Räumlichkeiten der Bahnhofsmission (3.133 mal) durch Begleitung von Menschen mit psychischen und/oder körperlichen Beeinträchtigungen bis zum Reiseziel („Mobile Bahnhofsmission“) (12 mal)
  • durch Gewährleistung des Angebotes „Kids on Tour“ für allein reisende Kinder (51 Hilfen an 20 Wochenenden)


Praktikant*innen

  • 2-wöchiges Praktikum im Rahmen einer außerschulischen Berufsbildungsmaßnahme: 1
  • 3-wöchige Praktika für Schüler*innen: 5
  • 4-wöchiges studienvorbereitendes Praktikum: 1
  • 8-wöchiges studienbegleitendes Praktikum: 1
  • 12-monatiges Berufspraktikum (BA Soziale Arbeit): 1


Rückblick und Einblick in die Arbeit
Veröffentlichung und Einsatz des Jubiläumsbuches
Der Bekanntheitsgrad der Bahnhofsmission Hildesheim konnte 2015 nochmals gesteigert werden, u. a. mithilfe des vom Diakonischen Werk im Januar feierlich veröffentlichten Buches „Zwischen//Räume. Die ersten 100 Jahre der Bahnhofsmission Hildesheim.“ Hierfür hatten Gäste und Mitarbeiter*innen der Bahnhofsmission, aber auch Autor*innen, Studierende der Universität Hildesheim, Zeitzeug*innen, Bahn-Mitarbeiter*innen, Bürger*innen sowie Personen des öffentlichen Lebens in Hildesheim Texte, Fotos und Erinnerungen beigesteuert. Auf diese Weise wurden neue Kontakte geknüpft und bestehende intensiviert. Auch wurde ein neuer ehrenamtlicher Mitarbeiter über das Buchprojekt gewonnen, und neue Gästegruppen haben die Bahnhofsmission als spannenden Ort der Begegnung für sich entdeckt. Das Buch ist weiterhin in der Bahnhofsmission erhältlich und wird im Rahmen der Vortragsarbeit von den hauptamtlichen Mitarbeitenden zur Gewinnung von Ehrenamtlichen und Unterstützer*innen eingesetzt. Im Jahr 2015 fanden insgesamt 17 Vorträge in Kirchengemeinden und vor anderen Gruppen, etwa dem Inner Wheel Service Club Hildesheim, sowie Besuche von Schulklassen und Konfirmandengruppen in der Bahnhofsmission statt.
 

Vernetzung mit sozialen und kulturellen Einrichtungen
Die Vernetzung der Bahnhofsmission mit anderen Einrichtungen des Hilfe- und Beratungssystems wurde über verschiedene Arbeitskreise erfolgreich fortgesetzt und ausgebaut. So konnte beispielsweise eine bessere Vernetzung mit den Beratungsangeboten der Diakonie erreicht werden durch gemeinsame Teilnahme der Mitarbeitenden von Bahnhofsmission und Diakonischem Werk an Veranstaltungen, etwa beim Tag der Niedersachsen und bei einem Fachtag zum Thema „Das Fremde in der Beratung“, sowie durch den damit verbundenen Austausch über die Angebote und Erfahrungen der einzelnen Stellen.
Zusammen mit der Diakonie Himmelsthür schickte die Bahnhofsmission im Rahmen der Aktion „Stigma to go – oder: eine Randgruppe für alle“ von den Bewohner*innen der Diakonie gebastelte Stigmata vom Bahnhof aus auf Reisen und machte so darauf aufmerksam, wie und wie schnell jemand gesellschaftlich aus- und abgegrenzt wird.
Überdies gab es zahlreiche Schnittstellen mit Universität und HAWK Hildesheim. So beschäftigten sich HAWK-Studierende im Rahmen verschiedener Seminare mit Öffentlichkeitsarbeit und Marketing der Bahnhofsmission sowie mit der Bahnhofsmission als Ort sozialer Arbeit. Im Zuge dessen besuchten Studierende die Einrichtung häufig. In der Bahnhofsmission fand außerdem das soziokulturelle Literaturprojekt Poetry Kids des Forum Literatur e. V. als inklusives Angebot statt: Gäste der BM mit und ohne geistige und psychische Beeinträchtigungen wurden im kreativen Schreiben und Malen von Studierenden der Universität Hildesheim angeleitet und präsentierten ihre Arbeiten öffentlich.

Weitere Aktivitäten:

  • Mitarbeit in kirchlichen und lokalen Arbeitskreisen
  • Besuche von Gruppen in der Bahnhofsmission: 7 Schulklassen, 3 Konfirmandengruppen, 2 Vereine
  • Gegenseitige Unterstützung im bundesweiten Netz der Bahnhofsmissionen
    Unterstützung der Stuttgarter Bahnhofsmission im Rahmen des Evangelischen Kirchentages 2015
  • Kontakt zum Flüchtlingswohnheim Senkingstraße
    Deutschunterricht und Hausaufgabenhilfe für Kinder und Jugendliche
     

Qualifizierung der Ehrenamtlichen
Um das Ehrenamtlichenteam zu stärken und fortzubilden, wurden vermehrt Klausurtage, auch mit externen Referent*innen, sowie Reflexionen mit hohem Selbsterfahrungsanteil mit sehr gutem Erfolg durchgeführt. Beispielsweise kamen im November im Diakonischen Werk 18 Mitarbeitende der Bahnhofsmissionen Hildesheim, Celle, Lehrte, Braunschweig und Hameln zusammen und nahmen mit großem Interesse an der von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und dem Deutschen Bündnis gegen Depression durchgeführten Schulung „Umgang mit psychischen Erkrankungen und Suizidalität“ teil.
Die Einbindung von Menschen mit Inklusionsbedarf ins Team der Bahnhofsmission Hildesheim findet inzwischen regelmäßig im Rahmen von Unterstützertätigkeiten in klar umgrenzten Bereichen statt, beispielsweise als Einkaufshilfe sowie Unterstützung bei öffentlichen Veranstaltungen und EDV.
Die Gewinnung geeigneter Ehrenamtlicher gestaltet sich weiterhin schwierig, da sich zumeist Menschen melden, die selbst einen zu hohen Unterstützungsbedarf haben, um Gästen adäquat und verlässlich zu begegnen. Zwei gut eingearbeitete Ehrenamtliche mussten dieses Jahr aufgrund beruflicher Veränderungen aus dem Dienst ausscheiden. Mit solchen Schwankungen der Teamgröße wird auch in Zukunft zu rechnen sein. Dennoch gelang es bereits immer wieder, die Öffnungszeiten auszuweiten (auf werktags 11 bis 18 Uhr) und sie nur bei Engpässen auf die Kernzeiten (werktags 13 bis 17 Uhr) zu reduzieren.
Tendenzen und zukünftige Herausforderungen

  • Die bereits für das Jahr 2015 im Jahresbericht 2014 skizzierten Herausforderungen schreiben sich fort. Schwerpunkte werden auch in Zukunft sein:
    Gewinnung von Ehrenamtlichen sowie Qualifizierung und Begleitung des Ehrenamtlichenteams hinsichtlich der Arbeit mit psychisch erkrankten Gästen
    Sicherung einer zweiten hauptamtlichen Stelle in der Bahnhofsmission
  • Im Zuge der Flüchtlingssituation wollen wir die Bahnhofsmission als einen Ort der Begegnung zwischen eingesessenen und neuen Bewohner*innen Hildesheims weiter etablieren. Hierzu gehören u. a. monatlich stattfindende Angebote für minderjährige unbegleitete Geflüchtete sowie wöchentlich Deutschunterricht und Nachhilfe für Kinder und jugendliche Geflüchtete.
     

Kontakt

Susanne Bräuer
Bahnhofsplatz 1 Hauptbahnhof Gl. 2/3
31134 Hildesheim
Tel.: 05121 52408